Es gab eine Zeit, in der Chibego ein Reich der Wunder war – geboren aus den Träumen der Sterblichen.
Diese Welt bestand nicht aus Erde und Stein allein, sondern aus Magie, Erinnerungen und Sehnsüchten. Jeder Wunsch, jede Hoffnung und jeder flüchtige Gedanke fand seinen Weg an diesen geheimnisvollen Ort. Aus diesen Träumen wurden die Gestalten dieser Welt geboren. Aus Gefühlen entstanden glitzernde Flüsse, aus Erinnerungen erhoben sich Berge, und aus Hoffnungen wuchsen Wälder, deren Bäume wie Zuckerwatte wirkten und die süßesten Früchte trugen.
Ein feiner Schleier aus funkelnder Traumessenz lag über dem Land und wurde vom sanften Wind bis in den letzten Winkel Chibegos getragen. Selbst die Luft schien zu atmen, als wäre die Welt selbst ein lebendiges Wesen.
Jede Gestalt in Chibego war aus einem Traum geboren und trug einen Funken Magie in sich. Gemeinsam bewahrten sie die Harmonie ihrer Welt und formten sie voller Farben, Leichtigkeit und Wunder. Solange die Sterblichen hofften, liebten und träumten, blühte Chibego in unendlicher Schönheit.
Doch Träume verändern sich
Mit den Jahrhunderten wandelte sich die Welt der Sterblichen. Zweifel verdrängten Zuversicht, Ängste wurden größer als Hoffnungen, und die Nächte füllten sich mit Gedanken, die keinen Frieden mehr fanden. Was einst nur flüchtige Schatten gewesen waren, gewann Gestalt. Etwas veränderte sich in den Träumen der Menschen – eine uralte Macht, die stets im Verborgenen gelauert hatte und nun begann, nach Bedeutung und Existenz zu greifen.
Zunächst bemerkte niemand die Veränderung. Die Farben verloren langsam ihren Glanz. Der funkelnde Schleier in der Luft wirkte matt und schwer. Flüsse kamen zum Stillstand, Wälder wurden von Schatten durchzogen, und selbst das Licht der Sonne schien manche Orte nicht mehr zu erreichen. Dort, wo einst Hoffnung gewachsen war, erschienen fremdartige Kreaturen aus schwarzem Rauch und lebendigen Schatten. Sie schlichen lautlos durch die Dunkelheit, als wären sie aus den Albträumen der Sterblichen geboren.
Mit jeder neuen Angst, die in den Herzen der Menschen entstand, wurde ihr Einfluss stärker.
Schließlich zerbrach Chibego – nicht durch Krieg oder Feuer, sondern durch einen Riss, der tief durch das Wesen der Welt verlief.
Aus einem Reich wurden zwei Teile
Den hellen Teil der Welt nannten sie Morgenblüte. Hier strahlten die Farben lebendig und kraftvoll: weite Wiesen und kristallklare Flüsse. Erinnerungen und Träume schwebten wie Glitzer durch die Luft, während die Früchte der Bäume noch immer nach Freude, Geborgenheit und Hoffnung dufteten. Jeder Sonnenstrahl schien die Welt selbst zu nähren.
Die Bewohner der Morgenblüte kämpften nicht aus Machtgier, sondern aus dem Wunsch heraus, das zu bewahren, was die Sterblichen einst erschaffen, hatten: Hoffnung, Mut, Mitgefühl und die Kraft, selbst in der Dunkelheit weiterzuträumen.
Jenseits davon entwickelte sich der dunkle Teil, den sie Abendschleier nannten.
Dieser entstand aus all den Träumen, die niemals ausgesprochen wurden – aus Angst, Verzweiflung, Hass und Neid. Ihre Wälder waren düster und leer, ihre Flüsse dunkel und erstarrt. Der Himmel wirkte, als laste auf ihm das Gewicht aller vergessenen Albträume.
Schatten schlängelten sich zwischen den Bäumen, und Wirklichkeit und Täuschung verschmolzen miteinander. Jeder Funke Hoffnung, der diesen Ort erreichte, wurde verdreht und verschlungen.
Die Wesen, die im dunklen Teil, dem Abendschleier, lebten, suchten weder Frieden noch Freude. Sie kannten nur den Wunsch zu wachsen, zu bestehen und das Licht, das aus der Morgenblüte herüberdrang, zu verschlingen.
Doch obwohl Chibego zerbrochen war, konnten Morgenblüte und Abendschleier niemals vollständig voneinander getrennt werden. Hoffnung kann nicht ohne Angst existieren, ebenso wenig wie Mut ohne Zweifel entsteht. Beide gehören zum Herzen der Sterblichen und entspringen derselben Seele.
So blieben die beiden Welten durch unsichtbare Schleier aus reiner Traumessenz miteinander verbunden.
Aus diesen formten sich Spiralen mit den unterschiedlichsten Emotionen, die sie den Schicksalswirbel nannten. Durch ihn fließt die Magie aller Träume unaufhörlich zwischen Morgenblüte und Abendschleier.
Wächst die Hoffnung der Sterblichen, erstarkt die Morgenblüte und drängt die Schatten zurück. Gewinnen jedoch Angst und Verzweiflung die Oberhand, breitet sich der Abendschleier weiter aus. Keine Seite darf jemals vollständig siegen. Denn würde Licht oder Schatten die Oberhand gewinnen, zerfiele Chibego endgültig. Mit ihm würden auch die Träume der Sterblichen für immer verschwinden.
An der Stelle, an der die Welt einst auseinanderbrach, blieb ein Ort von außergewöhnlicher Macht bestehen. Dort begegnen sich Morgenblüte und Abendschleier, ohne einander zu vernichten. Dies ist der Ort, an dem die Welt durch eine magische Spalte getrennt ist. Alle nennen diesen Bereich Auralin – der eine magische Atmosphäre erzeugt.
Hier treffen die Mächte beider Reiche aufeinander, nicht um sich gegenseitig auszulöschen, sondern um das empfindliche Gleichgewicht Chibegos zu bewahren. Jeder Machtstreit, jedes Aufeinandertreffen und jede Entscheidung entlädt die Spannungen zwischen Licht und Schatten und verhindert, dass die Welt an ihrer eigenen Magie zerbricht.
Wer Auralin betritt, kämpft nicht um Ruhm oder Eroberung. Er kämpft für das Fortbestehen der Träume – und für sich selbst.
So lebt Chibego bis heute weiter – als Spiegel der Herzen aller Sterblichen. Mit jedem Traum wächst seine Schönheit, mit jeder Angst vertieft sich seine Dunkelheit. Jeder Wunsch, jede Hoffnung und jeder Albtraum verändern die Welt aufs Neue.
Denn solange Menschen träumen, wird Chibego bestehen.
Und solange sie fürchten, wird sein Schicksal niemals entschieden sein.